"Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen."                        Aristoteles


Sibylle Spittler Autorin Coach Drehbuch Roman

 

Einige grundlegenden Elemente dieser von mir erwähnten "Blaupause" zum Aufbau einer Geschichte wurden von Aristoteles in seiner Poetik entwickelt & inzwischen natürlich stets weiterentwickelt, modifiziert & modernisiert.

Aber im Grunde haben diese "Regeln" bis heute Gültigkeit. 

 

Aristoteles fordert so interessante Sachen wie: 

Eine Geschichte muss einen Anfang haben. 

& eine Mitte. 

& einen Schluss.

 

Sie lachen? Dann versuchen Sie erstmal, das umzusetzen!

 

Hier also ein kurzer Ausflug in die Dramen-Theorie - für alle, die's an dieser Stelle interessiert...

 

Das mit dem Anfang, der Mitte & dem Schluss klingt bei dem alten Griechen in etwa so:

 

"Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt oder entsteht.

Ein Ende ist umgekehrt, was selbst natürlicherweise auf etwas anderes folgt, und zwar notwendigerweise oder in der Regel, während nach ihm nichts anderes mehr eintritt.

Eine Mitte ist, was sowohl selbst auf etwas anderes folgt als auch etwas anderes nach sich zieht.

Demzufolge dürfen Handlungen, wenn sie gut zusammengefügt sein sollen, nicht an beliebiger Stelle einsetzen noch an beliebiger Stelle enden, sondern sie müssen sich an die genannten Grundsätze halten."*

 

Eine Geschichte ist also hiernach der Verlauf einer Handlung, deren einzelne Elemente zwingend aufeinander aufbauen. 

& die Sache mit dem Anfang ist dabei übrigens nach wie vor eine sehr entscheidende:

An welcher Stelle beginne ich eine Geschichte? An welchem - eben ganz & gar nicht beliebigen -

Punkt seines Lebens befindet sich meine Hauptfigur am Beginn meiner Erzählung?  

Am Beginn meines Films?

 

Die ersten Seiten eines Buches entscheiden über das, was ich wie erzählen werde.

Die ersten Seiten eines Buches entscheiden zudem, ob derIE LeserIN weiter liest. 

Oder derIE LektorIN eines Verlags.

Oder derIE ProduzentIN.

 

Vermasseln Sie also niemals den Anfang einer Geschichte!

Das Ende ist nicht so wichtig...

(Hey: Das war ein Scherz!)

 

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Aristoteles sagt aber auch wesentliches über den Aufbau einer guten Geschichte - auch wenn bei ihm damit erst mal nur die Tragödie gemeint ist.:

 

"Ferner müssen die Teile der Geschehnisse so zusammengefügt sein, dass sich das Ganze verändert und durcheinander gerät, wenn irgendein Teil umgestellt oder weggenommen wird. Denn das was ohne sichtbare Folgen vorhanden sein oder fehlen kann, ist gar nicht Teil des Ganzen."*

 

Eine Geschichte besteht also aus einer zwingenden Aufeinanderfolge sich gegenseitig bedingender Handlungselemente, die sorgsam ausgewählt sein sollten, um keine Beliebigkeit zu erzeugen.

Dadurch entsteht eine innere Logik, die irgendwann - quasi ausweglos -  zum Ende der Story führt.

& es sollten keine unwichtigen Handlungen, Vorkommnisse oder Szenen verwendet werden,

da sie nur ablenken & verwässern -  & eben nichts wesentliches zur Story beitragen.

 

Natürlich kann es dabei überraschende Wendungen in einer Geschichte geben - hoffentlich sogar. Trotzdem muss bereits im Verlauf der Story der Keim dafür gelegt worden sein, dass das Ende

Sinn macht & nicht willkürlich oder "an den Haaren herbeigezogen" erscheint.

 

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Aristoteles sagt noch viel lesenswertes, so z.B. über die Beschaffenheit eines Charakters oder das anzustrebende Handlungsgefüge einer Story. Vieles klingt ähnlich banal, wie die Forderung nach

Anfang, Mitte & Schluss - ist es aber ebenfalls mitnichten.

 

Schließlich geht auf ihn auch die berühmte "3-Akt-Struktur" des Erzählens zurück, die besagt,

dass eine Geschichte aus einer Exposition, einem Konflikt & einer Lösung bestehen sollte.

 

Bis heute beruht fast jede fiktionale Geschichte auf dieser Struktur - auch wenn sie inzwischen von einigen AutorenINNEN bis zur 5- oder 7-Akt-Struktur verfeinert wurde.

 

Natürlich gibt es auch andere, ganz offene Erzählformen.

& alle Erzähl-Theoretiker - von Aristoteles über Lessing zu Syd Fields oder Christopher Vogler - fordern letztlich auch immer einen erzählerischen Idealtypus, der in seiner Reinform oft nicht

eingehalten werden kann. & dies auch nicht sollte.

 

Dennoch schärft die stete Auseinandersetzung mit diesen Theorien mir immer wieder den Blick für

jene wesentlichen Elemente, die eine gute Geschichte aufweisen sollte, damit einE LeserIN sie als spannend, logisch, einheitlich & emotional empfindet - was wiederum die Voraussetzung dafür ist,

dass sie uns gut unterhält.

 

Danke für Ihr Interesse!   

 

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* Quelle: DigBib.Org. - Deutsche Übersetzung von Manfred Fuhrmann, Reclam Heft 7828.